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Hysterie beim Haarewaschen, Übelkeit im Auto & Co.

MOREFAMILY / Thema

Störungen in der Reizverarbeitung

22.10.2025

 

Fachleute schätzen, dass zehn bis 20 Prozent aller Grundschulkinder von Störungen in der Reizverarbeitung (Sensorische Integration) betroffen sind. Die Buch-Trilogie Der kleine Hasenfuß Leo, Die kleine Mimose Mimi und Der kleine Tollpatsch Bummbumm umfasst die drei häufigsten Problemfelder: Kinder, die mit dem Gleichgewicht Probleme haben, Berührungen unangenehm finden und die sich nicht gut genug spüren. 

Sie legen oft ein Verhalten an den Tag, das von ihrem sozialen Umfeld als grob, zickig oder ängstlich wahrgenommen wird. Sie hören dann: „Stell dich nicht so an!“ oder „Reiß dich zusammen!“. Die drei Bücher zeigen betroffenen Kindern und Erwachsenen in kleinen Heldengeschichten, dass sie damit nicht alleine sind. Und dass es Möglichkeiten gibt, gemeinsam ihre Probleme zu überwinden.

Sensorische Integration
Ergotherapeutin Isolde Österreicher im Interview

Was kann man sich grundsätzlich unter einer Störung in der Reizverarbeitung vorstellen? Wie äußert sich diese bei Kindern? 

Die Reizverarbeitung (sensorische Integration) ist der Prozess, die Sinnesinformationen zu verarbeiten, so dass das Gehirn eine zweckmäßige körperliche Reaktion und sinnvolle Wahrnehmungen, Emotionen und Gedanken produzieren kann. Bei einer Störung werden diese Prozesse unzureichend ausgeführt. Wenn das Gehirn Reize in weiterer Folge „überempfindlich“ verarbeitet, kommt es oft vor, dass Kinder mit dem Verhalten „fight-flight-fright-freeze“ reagieren. 

Diese Reizverarbeitungsstörung zieht oft eine unharmonische Entwicklung der Kinder nach sich. Weiters können Lernschwächen/-störungen oder Verhaltensauffälligkeiten die Folge sein, obwohl viele dieser Kinder normal oder sogar überdurchschnittlich intelligent sind. Mehr dazu finden Sie bei Jean Ayres im Buch Bausteine der kindlichen Entwicklung. 

Welche Zusammenhänge gibt es zwischen physischen und psychischen Auswirkungen. Und was hilft? 

Wenn das Gehirn die Sinnesinformationen nicht gut verarbeitet, kann es folglich auch das Verhalten nicht gut kontrollieren und steuern.

Übelkeit im Auto: Kaugummi kauen, Nüsse oder Rohkost knabbern. Das feste Beißen/Kauen ist ein vermehrter Muskeleinsatz. Im Kiefergelenk besitzen wir viele propriozeptive Rezeptoren (Steuerung der Tiefensensibilität). Manche Kinder knirschen aus diesem Grund nachts mit den Zähnen.

Hysterie beim Haarewaschen: Den Kopf vorab mit einem großen, flächigen, langsam mehr werdenden Druck massieren. Die Augen mit einem Waschlappen und Handtuch schützen. Wenn ein Kind auf Gleichgewichtsreize überempfindlich reagiert, dann mag es den Kopf beim Haarewaschen nicht nach hinten legen. Es wäre besser, die Haare vornüber zu waschen.

Müdigkeit in der Schule: Manche Kinder wirken müde, da ihnen die Gleichgewichtsreize fehlen. Ein Pezziball oder Möbel, die ein aktives, bewegtes Sitzen erfordern, bieten sich an, um wieder aufmerksam sein zu können. Sensorische Integration – was sind die größten Herausforderungen in der Gesellschaft? Manche Kinder mit einer sensorischen Integrationsstörung zeigen Schwächen in der Koordination ihres Körpers und das wirkt sich auf Leistungen beim Turnen aus – Wettbewerb ist für diese Kinder ein großer unnötiger Stress, denn es wäre viel wichtiger, dass sie Spaß an der Bewegung und am Sammeln von Bewegungsreizen erfahren. 

Unsere Gesellschaft ist mittlerweile so sehr visuell ausgerichtet, dass die anderen sensorischen Reize vernachlässigt werden. Auch diese müssen aber in die Entwicklung integriert werden, deshalb ist es für Kinder von 0 bis sechs Jahren so wichtig, Zeit im Wald, am Spielplatz oder beim Sport zu verbringen. Außerdem erwarten wir immer wieder zu früh von unseren Kindern, dass sie selbstständig werden und somit werden Entwicklungsschritte übersprungen oder sogar „falsch“ eingelernt. Hierfür zwei Beispiele:

● Bevor ein Kind mit der Schere schneidet, sollte es sich seiner Händigkeit bewusst und sicher sein, das heißt, man sollte es vorab Papier zerreißen lassen – dabei muss es selbst entscheiden, welche Hand hält und welche Hand tut!

● Den Löffel für ein Kind in die Körpermitte legen, sodass es selbst entscheiden kann, welche Hand den Löffel führt. In unserer Gesellschaft wird er immer rechts eingedeckt …

 

Der kleine Tollpatsch
Bummbumm (2018)

Die kleine Mimose
Mimi (2019)

Der kleine Hasenfuß
Leo (2025)

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