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Goldene Weihnachten mit dem kleinen Drachen Kokosnuss
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... das sind vier gute Gründe für einen Werkstattbesuch bei Ingo Siegner, dem Schöpfer des kleinen Drachen Kokosnuss, und ein ausführliches Gespräch mit ihm.
Darin erzählt der Autor und Illustrator von seinem privaten Weihnachtsfest “Wir haben immer dasselbe Ritual: Weihnachtsbaum, Essen, Geschenke – ganz klassisch, wie ich es als Kind schon erlebt habe.” und erklärt, wie seine Geschichten und Bilder entstehen, warum digitales Zeichnen für ihn nicht infrage kommt und worauf er bei der Recherche für neue Bücher besonders achtet. Er spricht über die Entwicklung des Kokosnuss-Universums über die Jahre, den Einfluss von Kokosnuss' Hörbuch-Stimme Philipp Schepmann und über die Botschaft, die er seinen jungen Leser*innen und Hörer*innen vermitteln möchte.
Unter einem Weihnachtsbaum in Hannover liegen in diesem Jahr gleich fünf Goldene Schallplatten. Denn fünf Hörbücher mit dem kleinen Drachen Kokosnuss haben sich inzwischen jeweils über 100.000mal verkauft. Die Sammlung an Gold-Trophäen für die Reihe ist damit auf insgesamt 11 angewachsen. Thematisch passend ist zudem soeben „Der kleine Drache Kokosnuss – Fröhliche Weihnachtszeit“ erschienen, ein neuer Hörbuch-Doppelband, wieder gelesen von Philipp Schepmann. Mehr als ein schöner Anlass für einen Besuch in der Werkstatt des Kinderbuch-Autors und -Illustrators Ingo Siegner. Seine bekannteste Figur ist der kleine Drache Kokosnuss.
Wo entstehen die Ideen und Bilder, und wie sieht der Arbeitsalltag seines Schöpfers aus?
Es sind einige Stufen zu erklimmen, bis man im oberen Stockwerk eines Hannoveraner Altbaus vor der Wohnung steht, in der Ingo Siegner mit seiner Frau wohnt. Gleich links vom Eingang liegt sein helles Arbeitszimmer. Dominant ist der große Schubladenschrank, in dem der Autor und Illustrator sein Arbeitsmaterial aufbewahrt. Nahe am Fenster der Schreibtisch, in den Regalen zahlreiche Bücher – und für eine kleine Sitzecke ist auch noch Platz. Dort steht schon der Kaffee bereit, unser Gespräch kann beginnen.
Schreiben und Zeichnen – Der kreative Prozess
Hier entsteht also die Welt rund um den kleinen Drachen Kokosnuss. Wie hat man sich das konkret vorzustellen?
Ingo Siegner: Wenn ich hier in meinem Arbeitszimmer schreibe, strecke ich oft die Beine aus und nehme den Laptop auf den Schoß. Wenn ich zeichne, sitze ich mit Farben, Papier und Pinseln am Schreibtisch. Im Moment arbeite ich am Konzept für einen neuen Kokosnuss-Band, in dem es um die Feuerwehr gehen wird. In dieser Phase mache ich mir oft handschriftliche Notizen und telefoniere hin und wieder mit der Lektorin, die nochmal einen eigenen Blick mit einbringt. Ich habe auch schon ein paar erste Skizzen angefertigt, um zu sehen, wie Kokosnuss als Feuerwehrmann aussehen könnte – welchen Augenschutz er trägt, welchen Helm… All das, was ich gerade erarbeite, muss natürlich zu den früheren Bänden passen. Kokosnuss ist feuerfest, das wissen Kinder, die meine Geschichten kennen. Deshalb werde ich das im Buch und Hörbuch ansprechen: Er ist zwar feuerfest, aber sooo feuerfest nun auch wieder nicht.
Wie sieht Ihre Arbeitspraxis aus? Sind Text- und Bildarbeit streng voneinander getrennt?
In der Regel schreibe ich zuerst die Geschichte, und dann kommen die Bilder. Aber manchmal habe ich schon beim Schreiben ein Bild vor Augen, das in die Geschichte einfließt.
Ingo Siegners Weihnachten – damals und heute
Kürzlich ist ein neues Hörbuch mit zwei weihnachtlichen Kokosnuss-Abenteuern erschienen. Wie feiert Ingo Siegner Weihnachten?
Wir haben immer dasselbe Ritual: Weihnachtsbaum, Essen, Geschenke – ganz klassisch, wie ich es als Kind schon erlebt habe. Als Weihnachtsessen gab es früher immer Kartoffelsalat mit Würstchen. Man musste erst essen, bevor es die Geschenke gab. Ich habe kleinere Geschwister, mit denen ich vor der Bescherung immer spazieren gegangen bin. Abends durch Großburgwedel zu laufen, wo ich aufgewachsen bin, diese weihnachtliche Stimmung mit den Kleinen, die leuchtenden Augen – das sind sehr schöne Erinnerungen.
Wie sah es mit Geschenken aus?
Ich kann mich an ein Geschenk erinnern, das ich besonders toll fand: Das war ein Mikroskop. Darüber war ich richtig happy. Heute werden Kinder oft überschüttet mit Geschenken. Deshalb sage ich jedes Jahr zu Weihnachten: „Bei uns gab’s damals zwei Mandarinen, und wir waren sehr glücklich!“ Alle warten immer schon drauf, dass ich das erzähle, und wissen natürlich, dass das ironisch gemeint ist.
Was verschenken Sie?
Am liebsten verschenke ich etwas, das ich selbstgemacht habe. Für meine Frau zeichne ich Szenen aus unserem gemeinsamen Leben, zuletzt war es ein Heft voller Erinnerungen an unseren Sommerurlaub in Italien.
Die Arbeit als Illustrator
Zeichnen ist ein gutes Stichwort. Wie entstehen die Bilder für Ihre Bücher?
Sobald ich weiß, wie viele Seiten das Buch haben wird, mache ich ein Storyboard und dann fange ich mit den Bildern an. Ich zeichne immer mit Bleistift vor, pause diese Bilder auf Zeichenpapier ab und ziehe es auf Holz auf, damit es sich nicht wellt. Die Reinzeichnung koloriere ich mit Aquarellfarben. Die Outlines entstehen mit einem Stift mit Stahlfeder, in den ich wasserfeste schwarze Tinte nachfüllen kann.
Haben Sie Illustration studiert?
Nein, das habe ich mir selbst beigebracht. Ich habe schon früh meine eigenen Geschichten illustriert, um sie zu verschenken. Als sie einem Agenten in die Hand fielen, hat er mich an den Verlag vermittelt, Und dort meinte man, ich solle meine Bücher doch selbst illustrieren. Im Grunde habe ich angefangen wie ein Kind mit einem Malkasten, viel ausprobiert und stetig dazugelernt.
Haben Sie sich nach all den Jahren mal gewünscht, Sie hätten einen einfacher zu zeichnenden Hauptdarsteller ausgewählt als einen Drachen?
Nein, nie. Aber es gibt eine andere Sache, über die ich nachgedacht habe, sogar schon ganz zu Anfang: „Mal doch einfach zwei drei Malschichten weniger, das ist weniger Arbeit“, habe ich mir gesagt.
Aber Sie haben nicht auf sich gehört?
Nein, weil ich möchte, dass die Bilder eine gewisse Tiefe, Farbstärke und ein Leuchten haben. Das kommt nur zustande, wenn ich mehrere Schichten Farbe verwende. Für eine Figur wie Kokosnuss brauche ich daher etwa drei Stunden, bis sie fertig ist
Digitales oder analoges Zeichnen – Einsatz von KI?
Das klingt nach einem aufwändigen Prozess. Inzwischen gibt es auch andere Möglichkeiten zu illustrieren.
Ja, aber das kommt für mich nicht infrage. Ich müsste erstmal einen Kurs belegen, um zu lernen, wie ich Bilder digital erstelle. Das hat seine Vorteile, weil man z.B. bei einem wiederkehrenden Motiv einfach den Hintergrund austauschen kann.
Das digitale Zeichnen lehne ich nicht aus dogmatischen Gründen ab, sondern einfach, weil das analoge Zeichnen meine Gewohnheit geworden ist. Und wenn mal jemand anfragt für eine Ausstellung, sind die Leute immer froh, wenn ich Originale zur Verfügung stellen kann.
Digitales Zeichnen ist für viele Künstler:innen zu einem anerkannten Werkzeug geworden. Scharf diskutiert wird hingegen der Einsatz von KI im Bereich Kinderbuch.
Wie sich das mit der KI entwickelt – wir wissen es nicht. Im Moment kann ich mir nur schwer vorstellen, dass eine KI Texte eines Autors oder einer Autorin, die viel Herzblut hineinstecken, einfach so ersetzen kann. Es gibt doch vieles zwischen den Zeilen, Ironie, Doppelbödigkeit… Das gilt ebenso für die Bildebene.
Die Recherche
Es gibt mehr als 30 Kokosnuss-Bände. Wie recherchieren Sie die unterschiedlichen Themen? Ihre Helden können sogar in andere Epochen reisen.
Ich lese viele Sachbücher, und oft spreche ich auch mit Experten. Für den Band über das alte Ägypten habe ich mich hier in Hannover mit einem Ägyptologen des August Kestner Museums getroffen und ihn gefragt: „Wie wurden eigentlich die Pyramiden gebaut?“ Er antwortete: „Das wissen wir nicht.“ Aber er hat mir die wahrscheinlichste Theorie erklärt, und die habe ich für meine Geschichte übernommen. Am Schluss hat der Experte das Buch noch mal durchgesehen. Zum Glück! Kurz vor Drucklegung entdeckte er einen Fehler: In einer Szene benutzt der Pharao das Wort „Matschbanane“. Im Nachwort konnte ich aufklären, dass er das nicht gesagt haben kann, weil die Ägypter keine Bananen kannten.
Sie legen großen Wert darauf, dass alles stimmt…
Wenn ich etwas Falsches schreibe, laufe ich Gefahr, dass Kinder es glauben. Deshalb ärgere ich mich auch über Filme, in denen es um geschichtliche Themen geht, die aber verfälscht werden, damit sie mitreißender wirken. Ich finde, man kann sich auch eine spannende Geschichte ausdenken und bei der Wahrheit bleiben.
Entwicklung über mehr als 20 Jahre Kokosnuss
Gibt es heute mehr Bilder in den Kokosnuss-Büchern, weil sich das Leseverhalten von Kindern verändert hat?
Das Text-Bild-Verhältnis ist über die Jahre hinweg ungefähr gleichgeblieben. Die Bücher eignen sich für Erstleser, also sollte auf jeder Seite eine Illustration sein. Ehrlich gesagt habe ich mal eine Weile versucht, den Text etwas länger zu machen und weniger Bilder zu platzieren, denn das Schreiben fällt mir etwas leichter. Aber da kam schnell die Frage von der Lektorin: „Ingo, könntest du bitte den Bildanteil wieder erhöhen?“ Die haben das im Verlag sehr schnell bemerkt… (lacht)
4 Millionen verkaufte Kokosnuss-Hörbücher
Rund um die Kokosnuss-Abenteuer-Bücher sind eine Reihe von anderen Formaten entstanden, darunter die überaus erfolgreichen Hörbücher mit Sprecher Philipp Schepmann. Sie machen viele Veranstaltungen für Kinder – hätten Sie Ihre Texte nicht selbst einlesen können?
Ich bin wirklich froh, dass Philipp das macht, ich würde das zeitlich gar nicht schaffen. Ich schreibe nicht nur, ich schreibe zudem sehr langsam. Für Recherche und Text für ein Kokosnuss-Buch brauche ich mindestens sieben Wochen, für die Illustrationen auch. Dazu kommen rund hundert Lesungen im Jahr.
Und ein Hörbuch bedeutet weit mehr als vorzulesen. Philipp Schepmann kann das einfach besser. Er hat eine Ausbildung als Sprecher, bereitet sich akribisch vor. Das sieht immer so leicht aus, aber es ist eine Arbeit, die hohe Konzentration erfordert.
Wie erleben Sie es, wenn Sie ihn Ihre Geschichten lesen hören?
Manchmal fällt mir auf, dass er etwas anders betont, als ich es tun würde. Aber jedes Mal denke ich: Ja, so kann man den Text auch verstehen. Das ist der Unterschied zwischen Buch und Hörbuch: Beim Lesen stellt man sich den Ton, die Art, wie jemand spricht, selbst vor. Dennoch ist Hörbuchhören nicht wie Fernsehen – man braucht immer noch die eigene Fantasie, um die Geschichte zu erleben. Und jeder kann sie etwas anders erleben, auf die eigene Art.
Beeinflusst die Aussicht, dass Ihre Bücher vorgelesen werden, die Art, wie Sie schreiben?
Auf jeden Fall – ich habe immer im Kopf, dass der Text ohne Bilder funktionieren muss. Wenn die Beschreibung einer Sache wichtig für das Textverständnis ist, muss das im Text stehen und darf nicht durch ein Bild ersetzt werden.
Auf das Lese- und Hörerlebnis kommt es an Hinter jedem Buch steckt ein langer Arbeitsprozess… möchten Sie eine Botschaft an Ihre Leser:innen und Hörer:innen vermitteln?
Ich werde oft gefragt, ob ich den Kindern etwas mit auf den Weg geben möchte. Und ich kann nur antworten, dass es mir in erster Linie auf das Lese- und Hörerlebnis ankommt. Ich schreibe Abenteuergeschichten, und wenn da etwas drinsteht, das die Kinder fürs Leben mitnehmen können, ist das schön. Im Vordergrund steht für mich immer das Abenteuer, ein Spannungsbogen, Humor, der Spaß am Lesen und Hören. Wenn die ersten Bücher und Hörbücher den Kindern Spaß machen, wenn sie merken, dass Lesen ein schönes Erlebnis ist: Dann ist doch schon ganz viel erreicht.
Begegnungen mit Kindern
Welche Fragen stellen Kinder bei Ihren Lesungen?
Das kommt ein wenig drauf an, wo ich lese. Manchmal sind es typische Journalisten-Fragen: „Wie lange brauchst du für ein Buch? Schreibst du erst die Geschichte oder malst du erst die Bilder?“ Und dann wieder sehr direkte Fragen: „Was fährst du für ein Auto? Wieviel verdienst du? Bist du verheiratet? Hast du Geschwister? Wie alt bist du?“.
Bei einer Veranstaltung bin ich etwas abgeschweift, das passiert mir hin und wieder, wenn ich für die Kinder zeichne. Da meldete sich ein kleines Mädchen und fragte: „Kannst du jetzt bitte mal weiterlesen?“ Offensichtlich hatte ich ihre Vorstellung von dem, was ich vorgelesen hatte, unterbrochen. Nicht so leseaffine Kinder sind hingegen sehr offen für alles, was drumherum passiert. Weil die Geschichte bei ihnen zunächst nicht so ins Rollen kommt.
Bei meinen Lesungen zeichne ich erst, dann zeige ich Bilder aus dem Buch über einen Beamer. Und ich kann beobachten, wie die Gedanken abschweifen, bis ein neues Bild kommt. Manchmal fragen sie auch, warum sich das Bild nicht bewegt, das ist für sie ungewohnt. So kommen wir ins Gespräch. Das sind sehr herzliche Begegnungen, diese Kinder interessieren sich vielleicht nicht so sehr für die Geschichte, aber für mich als Person. Manche von ihnen umarmen mich spontan. Die Lesungen sind toll. Jede Lesung ist wie ein Theaterauftritt und birgt eine Reihe von Unwägbarkeiten. Aber mittlerweile habe ich viele Erfahrungen gesammelt und weiß, wie ich reagieren kann.










