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Mensch, Opa!
MOREFAMILY / Porträt
Kester Schlenz war bis vor Kurzem noch Redakteur und Ressortleiter beim Magazin Stern. Jetzt ist er Rentner – und Vollblut-Opa!
Als vor 30 Jahren sein Bestseller „Mensch, Papa! Vater werden – das letzte Abenteuer. Ein Mann erzählt“ erschien, ahnte er noch nicht, welch großes Abenteuer ihm in der Pension bevorsteht. Mit Herzblut und allzeit bereiten Großeltern-Einsätzen widmet er sich seinen Enkelkindern. Amüsant und mitreißend schreibt er in seinem aktuellen Buch „Mensch, Opa! Großvater werden – endlich wieder Abenteuer“ über diese neue Rolle. Dabei stellt er fest, dass Senior: innen nicht alt sind, Enkelkinder sowohl entschleunigen als auch auf Trab halten und dass Kuscheln jetzt „Bonding“ heißt. Auch fi ndet er heraus, wie man jungen Eltern wirklich helfen kann, wie man mit typischen Konfliktthemen umgeht und was die größten Herausforderungen für die Generation der Babyboomer sind.
Herr Schlenz, oder soll ich „Opa Kester“ sagen? Als Sie realisierten, dass Sie Großvater werden, welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, welche Gefühle stellten sich ein?
Ich hab mich wahnsinnig gefreut. Ich war und bin ja ein begeisterter Vater. Mit meiner Frau unsere Jungs großzuziehen – das ist das Schönste, was ich in meinem Leben erlebt habe. Jetzt sind sie erwachsene Männer. Es ist toll, mitzuerleben, wie sie ihren Weg gehen. Aber ich vermisse das Toben und Quatsch-Machen ein wenig. Und als es hieß: „Ihr werdet Großeltern“, da wusste ich: Jetzt kann ich das bald alles noch einmal machen. Und so ist es gekommen: Ich mutierte ganz schnell wieder zum Alleinunterhalter, zum Komiker im Enkeldienst. Jonna sagte gestern zu mir: „Opa, mach Quatsch!“ Und dann musste ich gegen die Wand laufen und „Boing“ rufen. Was sie stets mit einem Lachanfall quittiert. Das hab ich nun davon. Aber der kreative Unsinn ist nun mal meine Kernkompetenz.
Welche Rolle spielen Sie als Opa im Leben Ihrer Enkelkinder? Und wie wichtig schätzen Sie eine gute Bindung zwischen Großeltern und Enkelkindern im Allgemeinen ein?
Ich denke, dass ich als Opa eine große Rolle in Jonnas Leben spiele. Ebenso wie meine Frau. Feline, unsere zweite Enkelin, ist ja noch sehr klein. Aber da wächst auch immer mehr zusammen, was zusammengehört. Im vergangenen Sommer
waren wir mit Jonna eine Woche allein im Urlaub. Sie hatte viel Spaß und null Heimweh. Das zeigt ja, wie gut wir miteinander klarkommen. Eine gute Bindung zwischen Großeltern und Enkeln ist übrigens für beide Seiten gesund. Das zeigen Studien. Die Omas und Opas bleiben körperlich und geistig fit, wenn sie sich viel kümmern. Und die Kleinen haben zwei weitere, enge Bezugspersonen, die sie durchs Leben tragen, was sie resilienter macht.
In Ihrem Buch „Mensch, Papa!“ sprechen Sie euphorisiert vom Papa Sein. Wie unterscheidet sich die Vaterrolle von der des Großvaters? Fühlt man sich eher wie ein Nebendarsteller oder nutzt man die Zeit mit den Kindern jetzt intensiver? Vielleicht weil jetzt als Rentner mehr Zeit für Familie bleibt?
Die Großvater-Rolle ist natürlich bequemer. Man kann alles geben, sich voll einbringen und dann irgendwann wieder nach Hause fahren, sich erholen und erneut den Enkeldienst übernehmen. Und Zeit zu haben ist natürlich super. Wir sind immer für Sofort-Einsätze verfügbar. Sie lehnen den Begriff Rentner zwar ab, machen im Buch aber Mut zum Altern.
Was sind Ihre Ratschläge gegen aufkommenden Rentenschock oder Ruhestandsdepression? Und warum ist man trotz der 65-Jahr-Grenze der WHO noch nicht alt?
Ich lehne den Begriff Rentner eigentlich nicht mehr ab. Ich habe nur lange mit ihm gefremdelt. Auch an die Bezeichnung Opa für meine Person
musste ich mich erst gewöhnen. Wenn ich diese beiden Worte früher hörte, dachte ich immer sofort an alte Knacker mit Krückstock, Kaninchenzüchter,
berstende Hüftgelenke oder Kreuzworträtsel-Heavy-User. Aber jetzt bekenne ich freimütig: Ich bin Rentner und Opa, und das ist auch gut so. Und nun zur WHO und der Aussage, dass das Alter mit 65 Jahren beginnt: Das ist doch längst überholt. Heute sind die 65-Jährigen viel fitter und aktiver als die Generation unserer Eltern. Wir besuchen Rockkonzerte, machen Abenteuer-Urlaub mit den Enkeln oder werden Kanzler. Es liegt nur an uns. Das „Alter“ ist ja keine festgefügte Kategorie, sondern vor allem ein soziales Konstrukt.
Wie kann man junge Familien als Großeltern bestmöglich unterstützen? Und wo beginnt die Gratwanderung, sich zu sehr aufzudrängen
Bestmögliche Unterstützung heißt: sich wirklich Zeit nehmen. Aktiv helfen! Nicht nur „zu Besuch kommen“, sondern anpacken, was zu essen mitbringen, die Kinder mit dem Buggy durch die Gegend fahren und so weiter. Die Gefahr, sich aufzudrängen, halte ich dann für gering. Man sollte nur das Belehren lassen und nicht nerven. Und immer im Blick behalten, wie man selbst früher auf die eigenen Eltern reagiert hat. Was einen damals nervte, sollte man jetzt tunlichst als Großeltern lassen.
Im Buch schreiben Sie, dass Enkelkinder auf Trab halten, aber gleichzeitig entschleunigen. Haben Sie dafür ein Beispiel?
Ja, ich saß im letzten Sommer eine Stunde neben Jonna in der Sandkiste. Wir produzierten Sandkuchen, sie zerteilte sie, und wir bauten neue. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten. Und ich genoss dieses stille, unaufgeregte Spiel. Als ich noch berufstätig war, hätte ich wohl auf dem Handy News geguckt oder telefoniert. Jetzt genieße ich diese Entschleunigung. Das musste ich aber erst lernen. Weg von diesem Impuls „Ich muss doch was machen“. Nee, man muss manchmal einfach nur dasitzen, die Enkel anhimmeln und Sand anreichen. Das reicht, um zufrieden zu sein.
Was möchten Sie Ihren Enkelkindern einmal mit auf den Weg geben? Wie sollen sie den Satz „Mein Opa war …“ später einmal beenden?
Mein Opa war der liebste und lustigste alte Knacker, den man sich vorstellen kann. Ich vermisse ihn sehr!










