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Handy-Entzug macht aggressiv
MOREFAMILY / Thema
Wenn Kinder und Jugendliche stetig aggressiver werden oder sich von ihrem Umfeld abkapseln und kaum noch erreicht werden können, erlebe er oft stereotype Reaktionen, so Florian Buschmann, Experte für Medienkompetenz und Berater bei Mediensucht. „Die einen schieben es auf einen ,schlechten Charakter‘, die anderen machen ein Problem mit der Erziehung aus. Tatsächlich aber ist immer häufiger exzessiver Medienkonsum der Grund oder zumindest ein wesentlicher Faktor“, sagt Buschmann. Der Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN sieht bei vielen Kids eine dauerhafte Überreizung des Nervensystems. In seinen Workshops an Schulen analysiert er jedoch auch die Folgen eines plötzlichen Handy-Entzugs. Der sei keine gute Idee, denn: „Auch der Entzug setzt die Kinder und Jugendlichen unter Stress. Zudem kann niemand das Smartphone komplett verbieten, was auch nicht sinnvoll ist.“ Stattdessen gilt es, zunächst einmal die Mechanismen, durch die Handys beziehungsweise genauer Social Media und Gaming wirken, zu durchschauen. Insbesondere Kurzvideo- Plattformen und Games arbeiten mit einem permanenten Reizfluss. Die Bilder wechseln extrem schnell, es werden starke Emotionen geweckt, es gibt Belohnungen über Likes und Kommentare, eine Überraschung jagt die andere. So wird laut Buschmann das Gehirn kontinuierlich mit Dopamin und Adrenalin geflutet, das Nervensystem dauerhaft aktiviert.
»Wir haben es mit einem Dauerfeuer zu tun, das überlastet und auslaugt, ja verbrennt, um im Bild zu bleiben.«
Jede Minute wird medial gefüllt
Kindern und Jugendlichen – und nicht nur ihnen – fehlen echte Ruhephasen. Während es früher auch Phasen der Langeweile gab, mit denen Menschen zurechtkommen mussten, wird heute jede freie Minute sofort medial gefüllt. Das Gehirn bekommt dadurch kaum noch die Gelegenheit, die empfangenen Reize zu verarbeiten, entstandene Spannungen abzubauen oder einfach herunterzufahren. Dieses „Feuer“ plötzlich zu löschen, erzeuge erst recht Probleme. Ein Verbot digitaler Medien, das Ausschalten des WLANs oder die Aufforderung, das Handy sofort wegzulegen, könne zu Gereiztheit und Wut bis hin zu Ausbrüchen von Aggression führen. Der Grund dafür liege im abrupten Abfall des Dopamin- und Adrenalinspiegels, so Buschmann.
Nervensystem ist überfordert
Ganz wichtig ist es – laut dem Experten –, solche Emotionen nicht mit Boshaftigkeit des Kindes und auch nicht mit Erziehungsfehlern der Eltern in Verbindung zu bringen. „Es handelt sich schlicht um eine Stressreaktion eines überforderten Nervensystems. Dabei spielt auch eine Rolle, dass Kinder und Jugendliche heute oft Frustration kaum tolerieren, weil sie es gewohnt sind, sich stets sofort neue Reize holen zu können.“ Hinzu kämen die Wirkungen der typischen digitalen Inhalte: Die Kurzvideos quellen über von Konflikten, Provokationen und schneller Eskalation. Wer das tagtäglich viele Stunden lang konsumiere, der halte es für normal, betont Buschmann. Und es gingen Fähigkeiten verloren oder würden gar nicht erst richtig ausgebildet, die für die Regulation von Emotionen gebraucht werden: etwa Geduld, Impulskontrolle, Aushalten von Langeweile und Selbstberuhigung.
Was Eltern tun sollten?
- Nicht nur die Dauer des Medienkonsums im Blick haben, sondern vor allem auch die Inhalte
- Smartphone-freie Zeiten und Orte gemeinsam mit den Kindern festlegen
- Zur bewussten Nutzung anhalten und das auch selbst vorleben
- Echte Offline-Erholungsräume anbieten, etwa gemeinsame Aktivitäten
- Kinder emotional begleiten und die Beziehung zu ihnen intensivieren
Florian Buschmann (Psychologie B. A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.








