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Es war einmal...

MOREFAMILY / Porträt

Märchen – alte Geschichten und Sinnbilder unserer Zeit

© Leumüller Elisabeth
22.10.2025

 

Ich sitze auf einer Lichtung im oberösterreichischen Almtal. Rund um mich die herbstliche Natur – und viele kleine und große Menschen, die gespannt lauschen.

Denn inmitten unserer Runde hat Sabina Haslinger begonnen, ein Märchen zu erzählen. Mit der ganz besonderen Gabe, von innen heraus zu erzählen,
berührt die Zweifachmama mit ihren Geschichten die Herzen ihrer Zuhörer:innen. Ihre Faszination für Geschichten entdeckte Sabina Haslinger schon früh, als Helmut Wittman, DER österreichische Storyteller, an ihre Schule kam, um Märchen zu erzählen. Kurz darauf stiegen die Ausleihzahlen in der örtlichen Bücherei drastisch an, denn die junge Sabina war dabei, alle Sagen und Märchenbücher rauf und runter zu lesen. Mittlerweile nennt die Märchenerzählerin eine kleine Hausbibliothek ihr Eigen und hortet einen Schatz, von alten, auf Flohmärkten entdeckten, Märchenbüchern bis hin zu modern interpretierten Neuerscheinungen. Aber Sabina hortet diesen Schatz nicht nur, sie saugt die Geschichten in sich auf und teilt sie bei ihren Märchenwanderungen und -workshops. 

Von Wandern, Kräutern und der Natur 

Als Naturvermittlerin, Kräuterpädagogin & OÖ Wanderführerin liegt es für Sabina nahe, die Geschichten zu der jeweiligen Region, einer Blume oder einem Kraut zu erzählen. „Es geht ja gar nicht, im Salzkammergut zum Laudachsee zu wandern und nicht die Sage vom Riesen Erla und der Nixe Blondchen zu erzählen“, lacht die Oberösterreicherin. Ihre Liebe zum Märchen hat sie noch mehr aufleben lassen, als ihre Kinder Siegfried und Severin klein waren – heute 14 und zwölf Jahre jung. „Die beiden waren meine Versuchskaninchen und konnten stundenlang zuhören.“ Kindern vorzulesen sei unglaublich wichtig und bringe zum Ausdruck „Ich schenke dir meine Zeit“ – das schönste Geschenk, das man einem Menschen machen könne. Seit 2007 ist Sabina Haslinger nun selbstständige Märchenerzählerin und macht Kindern in Kindergärten, Schulen, auf Märkten und bei Veranstaltungen eine Freude. „Aber Märchen sind nicht nur was für Kinder. Die Geschichten berühren uns alle irgendwie und irgendwo“, spricht Sabina aus Erfahrung. 

Es kann gut werden 

Warum faszinieren uns Märchen seit jeher? Darüber philosophiert die Märchenerzählerin: „Die Geschichten sind oft grausam oder haben einen traurigen Ursprung. Diese Nöte, die in alten Märchen beschrieben werden, kennen wir heute nicht mehr, sind aber Sinnbilder für Probleme unserer Zeit. Eine Hungersnot steht vielleicht für den Hunger nach Liebe, der Wolf ist womöglich die Angst im Leben … Aber trotz dieser Notlagen sind im Märchen immer Helfer:innen da, die Märchenheld:innen verhalten sich gut und lehren uns, dass sich Dinge verändern können, sie können gut werden.“ 

Und die Moral von der Geschichtʼ? 

Hänsel und Gretel werden im Wald ausgesetzt, Aschenputtel von der Stiefmutter verachtet und Schneewittchen soll getötet werden. Hinzu kommen stereotype Rollenbilder und die Hochzeit am Ende, die alles gut macht. Wir kennen sie alle, die Schattenseiten und „Happy Ends“ der bekannten Märchen, deshalb gibt es Eltern, die Märchen eher meiden, im Glauben, ihre Kinder damit zu schützen. „Märchen wurden in Zeiten aufgeschrieben, da waren solche Situationen nicht abwegig und Rollenbilder wichtig. 

»Märchen sind nicht nur was für Kinder.«

Aber noch heute gilt: Bis man dieses glückliche Leben hat, gibt es oft viele Schwierigkeiten zu überwinden. Die Hochzeit stellt hier eigentlich das Ganzwerden der Held:innen dar, das goldene Fest sozusagen“, ist sich Haslinger sicher. „Und diese Bilder in Märchen, die wir Erwachsene als grausam erachten, werden von Kindern oft gar nicht so wahrgenommen, weil sie einen anderen Zugang haben. Sie spüren zwar die jeweilige Gefühlslage, gehen durch die Emotion, die Angst, aber immer mit dem Wissen: Alles wird gut! 

Das Böse kann besiegt werden, das Gute kann gewinnen!“ Kinder können durch Märchen unglaublich viel fürs Leben lernen – Mut, Mitgefühl und den Glauben an das Gute! „Dabei müssen Moralen gar nicht ausgesprochen werden“, weiß Sabina, die sich auf jede Märchenstunde mit Herzblut und Leidenschaft vorbereitet. Denn bei ihren Programmen wird nicht bloß erzählt, sondern auch gesungen, musiziert, mitgemacht, Fragen beantwortet und Dinge bestaunt, von denen im Märchen die Rede ist. Die typische Endfloskel eines Märchens können wir uns in diesem Fall ersparen, denn Sabina Haslinger lebt glücklich mit ihrer Familie im oberösterreichischen Ried im Traunkreis, schreibt Bücher, führt Wanderungen, veranstaltet Frauenwanderreisen, vermittelt Natur, jodelt, findet Kräuter und erzählt natürlich Märchen.

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