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Stärke beginnt im Kopf - Mollie Hughes

MOREFAMILY / Porträt

Die britische Weltrekordhalterin Mollie Hughes hat einige der herausforderndsten Orte der Welt erkundet. In ihrem Buch „Whiteout“ verbindet sie ihre extremen Abenteuer mit psychologischer Forschung und zeigt, was wir alle daraus lernen können: wie wir unsere Emotionen regulieren, Ängste überwinden, Druck standhalten und in der Stille neue Kraft finden.

Frau beim Bergsteigen
11.06.2026

In ihrem Buch „Whiteout“ verbindet sie ihre extremen Abenteuer mit psychologischer Forschung und zeigt, was wir alle daraus lernen können: wie wir unsere Emotionen regulieren, Ängste überwinden, Druck standhalten und in der Stille neue Kraft finden.

Liebe Mollie, Sie sind Abenteuersportlerin, die Weltrekorde bricht. In Ihrem Buch „Whiteout“ schildern Sie eindrucksvoll Ihre Besteigungen des Mount Everest und die 1000 Kilometer lange Solo-Expedition zum Südpol. Das sind herausragende sportliche Leistungen, und dennoch behaupten Sie, mentale Fitness sei wichtiger als körperliche Fitness. Warum? 

Wenn man von einer Everest-Besteigung oder einer Solo-Skitour zum Südpol hört, denkt man sofort an körperliche Stärke, an die Fitness, die Beinkraft, die Lungenkapazität. Und ja, natürlich ist das körperliche Training unerlässlich. Aber ich habe in diesen extremen Umgebungen Folgendes entdeckt: Der Körper ist fast immer zu mehr fähig, als man denkt. Es ist der Geist, der zuerst aufgibt. Auf dem Eis, allein, wochenlang einen 105 Kilogramm schweren Pulka hinter mir herziehend, gab es Tage, an denen ich am liebsten komplett aufgegeben hätte. Die Temperatur konnte minus 40 Grad betragen. Der Wind war unerbittlich. Mein Körper schmerzte. Aber er konnte weitermachen. Es war mein Geist, mit dem ich verhandeln musste. Ich musste lernen, die Stimme, die sagte, das sei unmöglich, zum Schweigen zu bringen und sie durch etwas Ruhigeres und Beständigeres zu ersetzen: nur noch der nächste Schritt, nur noch die nächste Stunde. Mentale Fitness ist etwas, worüber wir im Sport oder im Leben zu wenig sprechen. Wir trainieren unsere Körper obsessiv, aber wir trainieren unseren Geist selten mit der gleichen Disziplin. Was ich vom Mount Everest und vom Südpol gelernt habe, ist, dass Widerstandsfähigkeit, Konzentration, Selbstgespräche und die Stärke, Unbehagen auszuhalten, Fähigkeiten sind. Sie lassen sich üben. Und sie sind es, die einen letztendlich ans Ziel bringen. 

Welche Lektionen haben Sie aus Ihren Extremerfahrungen gezogen? Und welche davon können Sie im Alltag anwenden? 

Ehrlich gesagt, hatte ich gar nicht vor, daraus zu lernen. Doch als ich nach Hause kam und darüber nachdachte, wurde mir klar, dass alles, was ich in diesen extremen Situationen gelernt hatte, auch mein normales Leben grundlegend verändert hatte. Das Buch basiert auf sieben Lektionen, die mir immer wieder begegneten, sowohl dort als auch zu Hause. Dinge wie, die Angst zu beherrschen, anstatt von ihr beherrscht zu werden. Selbstvertrauen zu fi nden, selbst wenn alle Stimmen um einen herum und in einem selbst einem einreden, man könne es nicht. Zu verstehen, wie man psychischen Druck so ausbalanciert, dass er einen antreibt, anstatt einen zu erdrücken. Und dann natürlich die größeren, schwierigeren Themen, wie die Bewältigung von Traumata und die Stärkung der Resilienz, wenn alles zusammenbricht. Am meisten überraschte mich, wie universell diese Lektionen sich herausstellten. Ich hielt Vorträge vor Krankenschwestern oder vor Jugendlichen, und sie kamen danach zu mir und sagten: „Genau das mache ich gerade durch.“ Niemand fährt mit Skiern zum Südpol, aber jeder kennt das Gefühl, Angst zu haben, an sich selbst zu zweifeln oder unter Druck zu stehen, von dem man nicht sicher ist, ob man ihn bewältigen kann. Die beiden Lektionen, die die Menschen am meisten zu berühren scheinen, sind die Entdeckung der Kraft des Positiven, die so viel mehr ist als nur positive Gedanken zu hegen – sie ist eine echte mentale Fähigkeit – und das Finden von innerem Freiraum. Wir leben in einer Welt, die Angst vor Stille hat, und ich habe auf dem Eis gelernt, dass die Stille tatsächlich der Ort ist, an dem unsere Stärke liegt.  

»Jeder hart erkämpfte Erfolg stärkt unseren Glauben an unsere Fähigkeiten und bereitet uns auf die nächste Herausforderung vor.«

Druck wird in unserer heutigen Gesellschaft oft sehr negativ gesehen. In Ihrem Buch schreiben Sie: „Druck soll uns dazu bringen, pünktlich zu arbeiten, Beziehungen zu pflegen und beruflich voranzukommen. Würden wir ohne Druck überhaupt etwas erreichen?“ Nun frage ich Sie: Brauchen wir Menschen Druck, wer übt ihn aus und wann wird er zum Hindernis?

Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass wir Druck brauchen. Das Problem ist, dass wir angefangen haben, jeglichen Druck als Feind zu betrachten, und ich denke, damit tun wir uns keinen Gefallen. Druck ist tatsächlich einer unserer größten Motivatoren. Er schärft den Fokus, er treibt uns zur Vorbereitung an, er lässt uns über uns hinauswachsen. Ohne jeglichen Druck würden die meisten von uns morgens wohl kaum aufstehen, geschweige denn etwas Bedeutendes erreichen. Am Mount Everest war der Druck allgegenwärtig. Das Wetterfenster schloss sich. Das Team war aufeinander angewiesen. Jahrelange Vorbereitung, die sich in einem einzigen Gipfelsturm verdichteten. Die Sponsorengelder, die ich eingeworben hatte. Dieser Druck war nicht angenehm, aber er war Treibstoff . Er machte mich wacher, präsenter, entschlossener. Druck wird jedoch zum Hindernis, sobald er in Überforderung umschlägt. Und dieser Kipppunkt ist für jeden anders. Wer ihn ausübt? Nun, das ist der interessante Punkt. Die Gesellschaft, ganz klar. Arbeitsplätze, soziale Medien, familiäre Erwartungen. Aber ehrlich gesagt, der größte Druck, dem ich je ausgesetzt war, kam von mir selbst. 

Frau bei einem Zelt

Ein weiteres faszinierendes Zitat aus Ihrem Buch: „Jeder hart erkämpfte Erfolg stärkt unseren Glauben an unsere Fähigkeiten und bereitet uns auf die nächste Herausforderung vor.“ Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Selbstvertrauen im Leben eines Menschen – sei es im Alltag oder in Extremsituationen? 

Selbstvertrauen und Selbstglaube sind nicht dasselbe, und ich denke, es ist sehr wichtig, sie zu unterscheiden. Selbstvertrauen ist das, was wir der Welt zeigen. Es ist nach außen gerichtet, sichtbar, und ehrlich gesagt, hat es nicht immer ein starkes Fundament. Wir alle kennen Menschen, die enormes Selbstvertrauen ausstrahlen, bei denen aber innerlich nicht viel dahintersteckt. Diese Art von Selbstvertrauen kann sogar gefährlich sein, weil es nicht auf etwas Realem basiert. Selbstglaube hingegen ist etwas viel Tieferes und Stilleres. Es ist dieses innere Wissen, dass man etwas schaff en kann. Dass man das Zeug dazu hat, selbst wenn man nicht genau erklären kann, warum. Es braucht kein Publikum. Lange Zeit in meinem Leben, auch als ich den Mount Everest bestieg, war ich nach außen hin überhaupt nicht selbstbewusst. Ich war nicht die lauteste Person im Raum. Ich war nicht diejenige, die allen um mich herum Gewissheit vermittelte. Aber tief in mir war etwas Solides. Eine stille Überzeugung, dass ich es schaff en konnte. Das trug mich viel weiter als jedes äußere Selbstvertrauen es je hätte tun können. 

Sie waren erst 21 Jahre alt, als Sie den Mount Everest zum ersten Mal bestiegen haben. Wie haben Ihre Eltern auf Ihren Plan reagiert?  

Überrascht zu sein, ist wohl noch untertrieben! Ich glaube nicht, dass der Everest ganz ihren Vorstellungen entsprochen hat. Und natürlich machten sie sich Sorgen, ich wäre ja auch besorgt gewesen, wenn nicht. Aber keiner von beiden hat mir je davon abgeraten. Sie haben nie versucht, mir das auszureden oder Zweifel in mir zu säen. Sie haben mich einfach seitdem bei jedem Abenteuer voll und ganz unterstützt. Ich weiß, wie viel Glück ich damit habe, und ich weiß, dass sie stolz auf mich sind. 

Und nun die umgekehrte Frage: Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich geben? 

Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob ich das überhaupt wollen würde. Die gesamte Reise, von der Sponsorensuche über das Training bis hin zu den Expeditionen selbst, war ein Prozess des Ausprobierens. Ich habe viele Fehler gemacht, aber ich habe aus diesen Fehlern mehr gelernt, als ich je durch Ratschläge hätte lernen können. Jeder Ratschlag, den ich meinem jüngeren Ich gegeben hätte, hätte den Weg vielleicht geebnet, aber er hätte die Reise verändert. Und ich würde nichts daran ändern wollen. 

Viele junge Menschen haben heute keine klaren Ziele mehr. Internationale Krisen, Unsicherheiten und die Flucht in die Realität durch soziale Medien bestimmen ihren Alltag. Was möchten Sie jungen Menschen mitgeben, um sie zu ermutigen? 

Ich würde dem etwas widersprechen. Ich finde es unfair gegenüber jungen Menschen, das so darzustellen. Die Welt, in der sie aufwachsen, verändert sich in einem Tempo, das keiner von uns je erlebt hat, und sie müssen sich darin zurechtfinden – ohne jegliche Orientierung. Das ist keine Gleichgültigkeit, sondern eine enorme Herausforderung. Was junge Menschen brauchen, ist nicht noch mehr Kritik. Sie brauchen gute Vorbilder und Erwachsene, die wirklich versuchen, ihre Welt zu verstehen, anstatt sie zu verurteilen. Wenn ich den Fokus irgendwohin legen könnte, dann auf die Erwachsenen. Wir sollten jungen Menschen von klein auf helfen, Selbstvertrauen aufzubauen. Wir sollten ihnen beibringen, wie sie auf gesunde Weise mit Druck umgehen können. Wir sollten ihnen zeigen, was Resilienz in der Praxis bedeutet. Wenn wir darin investieren, werden uns junge Menschen überraschen. Das tun sie ja bereits.


Mollie Hughes ist Abenteuersportlerin, Bergsteigerin, Polarforscherin und internationale Motivationsrednerin sowie Rekordhalterin. Im Jahr 2017 brach sie den Weltrekord als jüngste Frau, die den Mount Everest sowohl über die Süd- als auch über die Nordroute bestiegen hat. 2020 gelang ihr zudem die alleinige Ski-Durchquerung von der Antarktisküste zum Südpol.

Buch-Tipp: Mollie Hughes
WHITEOUT – MEIN WEG DURCHS EWIGE EIS
übersetzt von Jutta Schiborr
978-3-442-18064-6
Goldmann Verlag
288 Seiten | € 16,50

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